
All Their Lust - Leseprobe
1
Washington D.C.
07. Januar
19:22 Uhr Ortszeit
»Ich befinde mich hier live vor Ort an der George-Washington-Universität in D.C. Unbestätigten Informationen zufolge wurde die Einrichtung Opfer eines Hackerangriffs, der sich im vergangenen Dezember zwischen Weihnachten und Neujahr ereignet haben soll. Welche Daten dabei genau abgeflossen sind, ist noch nicht ganz klar. Ein offizielles Statement der zuständigen Personen gibt es bisher nicht. Dekan Watson stand uns für ein Interview nicht zur Verfügung. Fakt ist aber: Sollte sich der Verdacht bestätigen, ist es ein weiterer schwerer Fall von Datenabfluss, der sich in den vergangenen Monaten an den verschiedensten Universitäten des ganzen Landes ereignet hat.
Sobald uns weitere Informationen oder eine Stellungnahme der Universität vorliegen, werden wir Sie darüber informieren. Das war Sam Sigman, live vor Ort an der George Washington.«
2
Washington D.C.
31. Januar
07:07 Uhr Ortszeit
Kopfschmerzen. Das war das Erste, was sie wahrnahm. Dieses entsetzliche Pochen hinter ihren geschlossenen Augen. Diana Sheridan stöhnte gequält auf, hob die Hand und fuhr sich über die Stirn. Sie glühte, die Haut war klamm und zugleich fror sie. Sie versuchte, die Augen zu öffnen, doch sie waren wie verklebt. Mit den Fingern rieb sie sich vorsichtig über die Lider. Was war letzte Nacht passiert? Sie bekam die Erinnerung kaum zu fassen. Da war diese Party mit ihren Freundinnen; Alkohol, laute Musik, Tanz, Ausgelassenheit.
Zack mit seinen Freunden, der ihr schöne Augen gemacht hatte. Heiße Küsse, seine Zunge in ihrem Mund, ein abgeschiedener Raum, ihre Hand an seinem Schwanz.
Und dann? Nichts mehr.
Die Bruchstücke ihrer Gedanken verschwammen zu einem dunklen Strudel, der die restlichen Geschehnisse auslöschte. Diana konnte sich weder erinnern, ob sie und Zack Sex gehabt hatten, noch wo sie war. Schlagartig riss sie die Augen auf, ignorierte den Schmerz, der sich hinter ihrer Stirn breitmachte, und setzte sich kerzengerade hin. Es war stockfinster, ihre Hände ertasteten eine weiche Unterlage, eine Bettdecke, ein weiches Kissen. Ihr Kissen. Sie war in ihrem Zimmer auf dem Campus der George Washington. Erleichtert stieß Diana die Luft aus. Aber das Gefühl hielt nicht lange an. Denn kaum, dass sie die Beine bewegt hatte, setzte ein brennender Schmerz ein, der ihren ganzen Unterleib einnahm. Sie keuchte, tastete vorsichtig in ihren Schritt und zitterte. Im nächsten Moment nahm sie noch weitere Schmerzen wahr: ihre Nase, ihre Lippen, die Finger der rechten Hand, ihr Po. Alles schmerzte und instinktiv wusste sie, was passiert war.
Diana wurde vergewaltigt.
Tränen liefen heiß über ihre Wangen hinab. Sie wollte schreien, um sich schlagen, sich verkriechen. Doch die Schmerzen verhinderten es. Wieder und wieder brüllte ihre innere Stimme ihr zu: Du bist vergewaltigt worden. Das Gefühl von Scham überrollte Diana. Die Schande, ein Opfer zu sein – eine Person, von der man niemals geglaubt hätte, dass es einen wirklich trifft.
Übelkeit stieg in Diana hoch, bahnte sich ihren Weg durch die Speiseröhre und brach aus ihrem Mund. Sie beugte sich über den Bettrand und kotzte sich die Seele aus dem Leib. Sie schmeckte Alkohol, saure Galle, Pizza.
Zitternd und bebend blieb sie zurück und wischte sich die Spucke von den Lippen. Was sollte sie nur tun? Die Polizei einschalten? Einen Abstrich machen lassen? Oder bildete sie sich womöglich alles nur ein?
Mit einem lauten Knall wurde die Tür zum Badezimmer geöffnet. Grelles Licht flutete den Raum, heißer Dampf schlug Diana entgegen und entlockte ihr einen erstickten Schrei, der in ihrem Hals schmerzte. Fast hätte sie sich wieder übergeben.
»Du bist wach?«, hörte sie die Stimme ihrer Mitbewohnerin Tamara wie durch Watte an ihre Ohren dringen. »Ich wollte dich nicht wecken. Aber nach meinem Lauftraining musste ich schnell unter die Dusche hüpfen.«
Die Silhouette ihrer durchtrainierten Mitbewohnerin erschien im Türrahmen, dann ging sie hinüber zum Lichtschalter.
»Nein«, krächzte Diana und hob die Hand, doch es war zu spät. Flackernd ging das Licht an und erleuchtete das ganze Zimmer.
»Ich habe gar nicht mitbekommen, wie du nach Hause gekommen bist«, redete Tamara weiter und drehte sich zu Diana um. »Wie war’s noch mit Zack? Habt ihr … Fuck! Diana!« Tamara ließ das Handtuch fallen, das sie sich um den Körper geschlungen hatte, und stürzte mit weit aufgerissenen Augen zu ihrer Mitbewohnerin hinüber. »Was ist passiert? Was …«
Sie hielt Dianas Hände und betrachtete die Verletzungen. Die Wassertropfen, die sich noch auf ihrer Schulter befanden, glänzten im grellen Deckenlicht und blendeten Diana. »Was haben sie dir angetan?«
»Ich …«, stammelte Diana und schluchzte. »Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern.«
»Großer Gott.« Sie nahm ihre Freundin in die Arme, ihre Hände tasteten in einer schützenden Geste über Dianas Rücken. »Es tut mir so unendlich leid.« Sie drückte Diana wieder behutsam von sich und suchte mit ihren Blicken jede einzelne der Verletzungen ab. Diana konnte noch sehen, wie sich Tränen in Tamaras Augen sammelten, bevor sie wieder in die sichere Umarmung gezogen wurde.
Diana zitterte am ganzen Leib, die Tränen drangen mit jeder Sekunde, die verstrich, unkontrollierter aus ihren Augen.
»Sollen wir ins Krankenhaus fahren? Oder zum Universitätsarzt gehen? Ich bleibe die ganze Zeit bei dir, nur jemand sollte sich deine Verletzungen ansehen.« Tamara versuchte, ihr Zittern in der Stimme zu verstecken, doch Diana hörte deutlich in den Worten ihrer Freundin wie schlimm ihre Verletzungen aussehen mussten.
»Ich … ich kann nicht.« Diana schüttelte den Kopf, wollte sich aus der Umarmung lösen, war aber zu schwach. Kalter Schweiß brach auf ihrer Stirn aus.
»Okay. Dann lass uns wenigstens die Campus-Polizei rufen. Maria Sanchez hat heute Dienst. Sie ist sehr verständnisvoll und ruhig und wird dir zuhören.«
Diana schüttelte energisch den Kopf. »Nein, das kann ich nicht. Das ist …«
»Bitte, du musst diese Leute anzeigen. Wenn sie ungeschoren davonkommen, machen sie es auch mit anderen Frauen!« Tamara versuchte, ihre ruhige Stimme beizubehalten, doch die Tränen auf ihren Wangen zeigten Diana, wie fassungslos Tamara über die ganze Situation war. Tamara stand auf und schaute sich nach etwas um.
»Nein!«, schrie Diana und rutschte auf ihrem Bett so weit nach hinten, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß. Mit jemandem darüber zu reden, bedeutete, diese Situation wieder und wieder zu durchleben. »Bitte. Ruf niemanden. Das geht nicht!« Die Scham wurde immer stärker.
»Was? Wieso nicht?« Tamara schaute sie traurig und verständnislos an.
»Was sollen denn die anderen von mir denken?« Diana schlang die Arme um die Knie und vergrub das Gesicht in ihren Oberschenkeln.
Tamara setzte sich wieder zu ihr aufs Bett. Vorsichtig legte sie eine Hand an Dianas Wange. »Jede andere Frau ist dankbar, wenn du etwas gegen diese Kerle unternimmst und sie in den Knast bringst, bevor sie ein weiteres Opfer finden.«
»Keine Polizei!«
»Diana, bitte. Du musst …«
Doch Diana schüttelte nur den Kopf, woraufhin Tamaras tröstende Hand von ihrer Wange rutschte und sie schluchzte noch heftiger. Was würden nur ihre Eltern von ihr denken, wenn das herauskäme? Ihre Zukunft wäre ruiniert, ihr Leben vorbei. Sie würde nirgendwo einen Job finden, keinen Mann, keine Kinder. Würde sie überhaupt jemals wieder Sex haben?
»Du musst mit jemandem darüber sprechen«, sagte Tamara nach einer Weile. Ihre Stimme war sanft und Diana hörte, wie sehr es auch ihre Freundin quälte, dass man ihr wehgetan hatte. Doch auch etwas anderes konnte Diana unterschwellig raushören, es war Mitleid. Der Gedanke, dass sie für den Rest ihres Lebens von Menschen bemitleidet werden würde, ließ sie nur noch heftiger schluchzen.
»Mit wem denn?«, fragte sie und schaute Tamara durch einen Schleier aus Tränen an. »Mit einem Psychiater?«
»Vielleicht sprichst du erst einmal mit der neuen Vertrauenslehrerin?«, schlug Tamara vor. »Ich habe gehört, sie soll ganz nett sein. Du musst dich auch nicht persönlich mit ihr treffen. Vielleicht schreibst du ihr für den Anfang eine Mail?«
Diana presste die Lippen aufeinander und überlegte. Einer wildfremden Person schildern, was ihr passiert war? Andererseits wusste sie, dass ihre Sorgen anonym bleiben würden.
Kurzerhand fasste sie sich ein Herz. »Kannst du mir bitte meinen Laptop bringen?«, fragte sie und fühlte sich sonderbar hilflos.
Tamara sprang sofort auf und ging zu dem Schreibtisch hinüber, an dem die beiden jungen Frauen oft gemeinsam lernten. Sie nahm den Computer und brachte ihn Diana, die ihn mit zitternden Fingern entgegennahm.
Sie klappte ihn auf, wartete, bis er hochgefahren war, und rief die interne Homepage der Universität auf. Es dauerte eine Weile, bis sie die Seite der Vertrauenslehrerin gefunden hatte. Das Bild einer Frau in den Dreißigern mit dunklen Haaren und einem hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen war darauf zu sehen. Cameron Greyson, Dozentin für Unternehmensrecht, Vertrauenslehrerin.
Diana zögerte.
»Ich habe eine Idee«, unterbrach Tamara die Gedanken von ihr. »Wie wäre es, wenn du zuerst duschen gehst und dich vorsichtig sauber machst.« Tamara sah sich um und ihr Blick blieb an dem Erbrochenen neben dem Bett hängen. »Ich werde in der Zwischenzeit hier sauber machen und dein Bett frisch beziehen.« Sie schenkte Diana ein zuversichtliches Lächeln. »Wenn du dann so weit bist, schreiben wir diese E-Mail.«
Diana nickte langsam, stand auf und wankte mit tauben Schritten ins Bad. Als sie eine halbe Stunde später wieder auf dem frisch bezogenen Bett saß, ging es ihr zwar nicht besser, doch wenigstens fühlte sie sich wieder etwas wohler in ihrer Haut.
»Bist du bereit?« Tamaras Stimme klang so unendlich weit weg.
Mit Tränen in den Augen sah Diana sie an, nickte kaum merklich und zog sich den Laptop auf den Schoß.
Tamara, die neben ihr saß, legte ihr die Hand auf den Arm, zog sie ganz nah an sich und hielt sie, während Diana eine E-Mail schrieb, in der sie ihre Vermutungen schilderte. Bei jedem Wort, das aus ihren Fingern auf die Tastatur floss, fühlte sie sich hilfloser.
3
Washington D.C.
04. Februar
23:01 Uhr Ortszeit
»John, hörst du mich?« Der kleine Knopf in seinem Ohr knackte leise, als die Stimme seines Kollegen Mahmut Nasser ertönte.
»Ziemlich klar«, antwortete John Greyson und schlich langsam durch die verlassenen Gänge der stillgelegten Bunkeranlage westlich von Washington D.C.
Zwei Jahre waren seit dem Tod von Stanley Harper, Johns fleischgewordenem Albtraum, vergangen. Zwei Jahre voller Veränderungen und Neuanfängen. John hatte seine alte Detektei aufgegeben und war zum FBI zurückgekehrt, wo er wieder die Leitung seines alten Teams übernommen hatte. Nach der Ermordung der früheren Leiterin, Erin Willson, hatte Samuel Jennings die Behörde übernommen und ordentlich aufgeräumt. Es hatte einige Zeit gedauert, bis das von Erin Willsons Korruptionsskandal zerrüttete Federal Bureau of Investigation wieder auf Vordermann gebracht worden war, doch es hatte sich gelohnt. Jennings führte sie mit harter Hand. Fehler wurden nicht geduldet und sobald es auch nur den kleinsten Verdacht gab, man sei käuflich, musste man interne Untersuchungen über sich ergehen lassen.
John war froh, den Schritt gewagt und sich wieder dem FBI angeschlossen zu haben, nachdem er Stanley Harper erschossen hatte. Der Mann, der seine geliebte Frau in ihrem eigenen Schlafzimmer ermordet hatte. Noch immer hatte er Albträume von den schrecklichen Szenen, die er während der Jagd auf den Serienkiller gesehen hatte. Noch immer tauchte das Gesicht des Psychopathen, der sich in einen Rachefeldzug gegen Macht und Korruption gestürzt hatte, in seinen Träumen auf.
Doch auch privat hatte sich für John einiges getan. Er war mit seiner Lebensgefährtin Helen zusammengezogen; hatte den Mietvertrag seiner kleinen Wohnung gekündigt und das Haus, in dem er und Caroline gewohnt und Cameron aufgezogen hatten, leergeräumt. Zuerst wollte er es Cameron überlassen, damit sie dort einziehen und nach der Trennung von ihrem Verlobten, den Stanley Harper am Tag der Hochzeit als Vergewaltiger entlarvt hatte, von vorne beginnen konnte. Doch Cameron hatte sich dagegen entschieden und so hatten sie es für eine angemessene Summe an ein junges Paar verkauft, dem es egal schien, was dort vorgefallen war.
Den Großteil des Geldes hatte er Cameron überlassen und lediglich ein kleines bisschen für seine Rente angelegt.
Er rauchte nicht mehr, achtete wieder mehr auf sein Aussehen und behielt seine Gefühle und Ängste nicht mehr für sich. Zumindest nicht immer.
John Greyson, der einsame Wolf, war mit Stanley Harper gestorben.
Mit einem widernatürlich lauten Klicken entsicherte er seine Smith & Wesson MP Shield und hielt sie vor sich. Der Schein der Taschenlampe huschte über die Wände und den Boden. Links von ihm rannte eine Ratte vorbei und presste ihren haarigen Körper gegen die Wand. Gräuliches Mondlicht drang durch die wenigen Oberlichter in die Anlage und verlieh dem aus kaltem Beton bestehenden Gang einen gespenstischen Schimmer.
Johns Atem ging flach, sein Herz schlug wild, und obwohl es eisig kalt war, stand ein dünner Schweißfilm auf seiner Stirn. Jede Faser seines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Sein Blick fiel auf die Spuren, die sich deutlich vor ihm im Staub abzeichneten. Fußabdrücke. Jemand hatte diesen Gang in den letzten Wochen und Monaten wiederholt durchschritten.
Unbehelligt, ungesehen, im Verborgenen.
Doch damit war heute Schluss. Vor zwei Wochen waren John und sein Team von Linda Duncan auf einen Fall aufmerksam gemacht worden, bei dem die Kollegen des MPDC – Metropolitan Police Department of the District of Columbia – nicht weiterkamen. Linda war die Tochter des früheren Police Commissioners, Christopher Duncan, zu dem John aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit auch heute noch ein gutes Verhältnis hatte.
Zunächst ging die Polizei von ungewöhnlich vielen vermissten Personen aus, doch mit der Zeit wurde klar, dass dem nicht so war. Das Profil der Opfer war ausnahmslos gleich.
Schwarze Frauen in den Dreißigern. Mütter, die nicht arbeiteten und von ihren Partnern vernachlässigt wurden.
Das Team übernahm den Fall und fand heraus, dass die Frauen allesamt und regelmäßig in derselben Bar in Downtown gewesen waren. Manche von ihnen sogar mehrmals die Woche. Laut dem Barkeeper haben sie dabei immer mit einem Mann gesprochen, einem großen und gutaussehenden Weißen, der ihnen Drinks spendierte und anschließend mit ihnen verschwunden ist. Danach habe man die Frauen nie wieder gesehen.
Ihre Leichen tauchten einige Tage später immer in der Nähe dieser Bar auf. Sie trugen die Kleidung, die sie am Tag ihres Verschwindens am Körper hatten. Außerdem fand man bei ihnen einen Zettel, auf dem mit verwischter Handschrift eine Entschuldigung an ihre Kinder und Männer verfasst worden war. Getötet wurden sie durch einen Stich ins Herz mit einem dünnen und spitzen Gegenstand.
John und sein Team hatten sich die Überwachungsvideos der Bar und der umliegenden Verkehrskameras angesehen und waren fündig geworden. Ein großer weißer Mann war beim Verlassen der Bar auf den Videos zu erkennen gewesen. Sie hatten sein Gesicht durch sämtliche Datenbanken gejagt und nach ein paar Stunden einen Treffer bekommen.
Der Mann hörte auf den Namen Frederick Grant und war ein reicher Unternehmer, der sich in Los Angeles einen Ruf als Finanzier für Start-ups gemacht hatte, bevor er nach D.C. kam.
Die Familiengeschichte war überaus interessant und las sich wie ein Dreigroschenroman. In seiner Kindheit hatte Frederick mit ansehen müssen, wie sein Vater eine Affäre mit dem schwarzen Kindermädchen begonnen hatte und dadurch die Ehe seiner Eltern aufs Spiel setzte. Das Kindermädchen war selbst Mutter, verheiratet und sehr unglücklich gewesen, was Fredericks Vater ausgenutzt hatte.
In den Unterlagen, die zu Frederick Grant gehörten, war eine alte Bunkeranlage verzeichnet, die sein Vater einmal erstanden hatte, um daraus ein Casino zu machen. Allerdings konnte er die nötigen Genehmigungen für ein solches Unterfangen niemals einholen.
Und so stand dieser riesige Betonklotz ungenutzt am Rande der Stadt. Bis sich Frederick Grant dazu entschied, ihn für seine dunklen Geheimnisse zu nutzen.
Das Team observierte erst einen halben Tag die Anlage, als die Meldung über eine weitere vermisste Frau, auf die das Opferprofil passte, von Linda durchgegeben wurde. Ihr Name: Charlotte Masters.
Sie hatten niemanden gesehen, der die Anlage betreten hätte, was hieß, dass Frederick und Charlotte vermutlich schon im Inneren waren. John hatte nicht gezögert und war sofort reingegangen.
»Wo bist du?«, donnerte Mahmuts Stimme knirschend in Johns Kopf. Der gebürtige Syrer – Johns bester Freund – war mit den anderen draußen geblieben, um auf Verstärkung zu warten und Grant eventuell abfangen zu können, sollte er sich vor dem Gebäude blicken lassen.
»Im zweiten Untergeschoss«, flüsterte John. »Ich folge noch immer den Spuren.«
»Du hättest nicht alleine reingehen sollen«, tadelte ihn Mahmut.
»Das wirst du mir ewig vorhalten, oder?«
»Wenn du dabei draufgehst, ja. Ich …«
Der Gang machte eine Biegung, der Knopf in seinem Ohr knisterte und Mahmuts Stimme erstarb. John war auf sich allein gestellt. Er schluckte, blieb stehen, schloss für einen kurzen Moment die Augen und konzentrierte sich ganz auf die Geräusche, die er in dem Gebäude hörte. Frederick Grant war hier. Das sagte ihm sein Bauchgefühl.
Johns Nerven flatterten und der Schweißfilm auf seiner Stirn wurde dichter. Er erinnerte sich an den Fall vor etwas mehr als zwei Jahren, bevor Stanley Harper wieder in sein Leben getreten war und sich durch sein Umfeld gemordet hatte. Drei Menschen hatte er aus Johns Umfeld verschwinden lassen.
Ralph Cleansom – ein Bekannter von John, der heimlich in seinem Keller Pornos mit Minderjährigen gedreht hat. Dean Colt – ein früheres Teammitglied, der mit seinen Handlungen und verfälschten Beweisen dafür gesorgt hatte, dass Harper viel zu lange auf freiem Fuß gewesen war und dem John die Schuld für den Mord an Caroline gab. Und schließlich Erin Willson– die frühere Leiterin des FBI, die Harpers Morde gedeckt und selbst in Anspruch genommen hatte, um ihren Aufstieg zu fördern.
Damals, bevor sich wieder alles nur um Stanley Harper gedreht hatte, war John als Privatdetektiv auf den Fall der verschwundenen Kiora Grace angesetzt worden. Er hatte sie nach wochenlanger Suche gefunden. An einem verlassenen Ort wie diesem; in einer stillgelegten Tierklinik, zusammen mit anderen Kindern, die auf einer geheimen Auktion verkauft werden sollten.
John ging langsam weiter. Die Luft wurde mit jedem Schritt stickiger, sein Herz schlug wie verrückt. Er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war und betrachtete jede Spur auf dem staubigen Boden, jedes im Lichtkegel der Taschenlampe umherschwirrende Staubpartikelchen, als würde es ihm einen Hinweis liefern.
Er konnte kaum atmen, seine Haut kribbelte, als würden Hunderte kleiner Insekten darüber laufen, und er fühlte sich wie in einer anderen Welt. Eine Wolke schob sich vor den Mond und tauchte den Gang in Finsternis, die das Licht der Taschenlampe kaum noch durchdringen konnte.
»Jo… …rst du mi…« Mahmuts Stimme knisterte ohrenbetäubend laut in Johns Kopf, dann gab es eine Verzerrung und der Kontakt brach wieder ab. John fluchte in sich hinein, nahm den kleinen Knopf aus dem Ohr und ließ ihn in die Tasche der Lederjacke gleiten; der Lichtkegel der Taschenlampe zuckte unruhig umher.
Er schluckte.
Furcht kroch seine Glieder empor und schien mit einer kalten Hand nach seinem Herzen zu greifen. Er wusste, dass es falsch gewesen war, ohne die anderen in die Anlage zu gehen. Doch er wusste auch, dass Charlotte Masters, die Frau, die Grant aktuell in seiner Gewalt hatte, nicht mehr viel Zeit blieb. Und John würde nicht zulassen, dass dieser Bastard noch eine Frau umbrachte.
Er schüttelte das Gefühl der Kälte ab, straffte die Schultern und ging weiter. In diesem Teil des Bunkers waren die Gänge schmaler. Vereinzelt gab es schwere Stahltüren im Mauerwerk, die aber allesamt verschlossen waren und so aussahen, als wären sie seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. Die Luft wurde wärmer und John nahm eine schwache Veränderung seiner Umgebung wahr.
Er fühlte die Luft um sich herum vibrieren und sich elektrisch aufladen. Noch einmal überprüfte er, ob seine Waffe geladen und entsichert war, dann holte er tief Luft und spähte um die Biegung, die der Gang vor ihm machte. Was er sah, ließ sein Herz für einen Schlag aussetzen.
