Logan Murdock und der Letzte der Vier - Leseprobe

Prolog


Ich war fünfzehn, als ich von meiner Gabe erfuhr.
Nur wusste ich damals nicht, dass es eine Gabe war. Oder ein Fluch. Das wurde mir erst viele Jahre später bewusst.
Noch immer erinnere ich mich an diesen Tag. An das dunkle, furchterregende Leuchten in den Augen des Menschen, der mir gegenüberstand. Es war nur ein winziger Moment. Der Bruchteil einer Sekunde.
Doch für mich war dieses Glühen so deutlich zu erkennen wie das kurze Aufflackern eines Blitzes am Himmel.
Die Erinnerung an seine letzten Worte, an die Geste, mit der er mir seine Kette gab, die ich jetzt noch trage, ist so präsent wie die Geräusche des donnernden Warnsignals und die quietschenden Räder des näherkommenden Zuges. Damals hatte ich keine Ahnung, dass jenes dunkle Leuchten in den Augen eines Menschen ein Zeichen für dämonische Besessenheit ist.
Heute – achtzehn Jahre später – habe ich nach wie vor Albträume von diesem Tag und von dem üblen Scheißkerl, der sich in meinem besten Freund eingenistet und ihn in den Tod – in den Selbstmord – getrieben hat.
Er verfolgt mich. Immer und überall. Ich weiß es, denn ich kann es spüren. Ich kann ihn spüren.
Mein Name ist Murdock. Logan Murdock. Eigentlich bin ich Autor. Aber das hier ist die Geschichte, wie ich zum Monsterjäger wurde.

I


Die wulstigen Finger der rechten Hand des untersetzten Mannes trommelten schon seit einer Ewigkeit auf dem polierten Schreibtisch. In der anderen hielt er einen dicken Papierstapel.
Meinen Papierstapel.
Ich hatte meinem Literaturagenten das Exposé meines neuesten Buches vorbei gebracht und wartete auf seine Reaktion. Viele seiner Kollegen arbeiteten lieber digital. Manuskripte und Exposés per Mail – ganz unkompliziert. Er hingegen war die analoge Sorte Mensch. Und ich durfte jedes Mal dabeisitzen und ihm beim Lesen zusehen.
Das Trommeln stoppte für einen winzigen Moment, als er die oberste Seite zwischen seine speckigen Finger nahm und herumdrehte. Dann schnalzte er mit der Zunge, wandte den Blick von meiner Arbeit ab und sah mich über den Rand seiner heruntergerutschten Lesebrille hinweg an. Anschließend atmete er hörbar aus und las mit einem leichten Kopfschütteln weiter.
Das Trommeln begann erneut.
Kleiner Finger; Ringfinger; Mittelfinger; Zeigefinger; Daumen; Daumen. Und wieder von vorne. Erst langsam, dann immer schneller werdend, schmerzten die Töne in meinem Schädel und pochten wie ein winziges Wesen von innen heraus gegen die Stirn. Ich konnte nicht anders, als den Bewegungen der fleischigen Finger mit den Augen zu folgen. Die Geräusche erinnerten mich auf sonderbare Art und Weise an die Orktrommeln in Moria, kurz bevor sich die Gemeinschaft um den Ringträger Frodo Beutlin diesen Scheusalen gegenüber sieht.
Ich schüttelte mich innerlich, riss meinen Blick von seinen Gliedmaßen los und fragte stattdessen:
»Und? Was sagen Sie, Rainer?«
Rainer Tannhäuser, in den elitären Kreisen der Buchbranche durchaus ein hoch angesehener Agent, der sogar namhafte internationale Autoren vertrat und die Verlagsarbeit für seine Klienten übernahm, schaute nicht auf. Ich weiß noch genau, wie er mich unter Vertrag genommen hatte. Verdammt, ich war unglaublich stolz auf meine Leistung. Das Telefon stand nicht mehr still – alle beglückwünschten mich zu der Karriere, die vor mir lag. Was aber niemand erwähnt hatte, war: Rainer Tannhäuser war ein kolossales Arschloch. Er schmatzte einige Male laut und leckte sich dann mit seiner waschlappenartigen Zunge über die Lippen. Eine feuchte, glänzende Spur blieb auf ihnen zurück. Das Bedürfnis, mich vor Ekel zu schütteln, unterdrückte ich – dieses Mal nicht nur innerlich – und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. 
»Frederik«, begann er mit träger, fast gelangweilter Stimme. Ich weiß jetzt, was Sie denken. Logan Murdock? Nun, das ist ein Pseudonym, das ich am Anfang meiner Karriere für einige Romane gewählt habe. Als Autor von harten, international spielenden Thrillern verkauften sich diese Werke mit einem Namen wie Logan Murdock deutlich besser als mit einem Geburtsnamen wie Frederik Braunfelser. Mit der Zeit stellte ich fest, dass ich mich mit dem Pseudonym wohler fühlte – zumindest in weniger offiziellen Kreisen.
Außerdem passt dieser Name besser zu der Geschichte, die ich Ihnen erzählen möchte.
Rainer Tannhäuser atmete tief und hörbar aus und legte das Exposé auf den Tisch. Er drückte hervorstehende Seiten mit den Zeigefingern zurück in Reih und Glied. 
Mehrmals und mit akribischer Genauigkeit.
Neurotiker … 
Ich musste mich zusammenreißen, um mein Gesicht nicht von ihm abzuwenden, als er mir seinen nach Fäule und Kaffee stinkenden Atem entgegen blies.
»Es ist doch recht einfach zu beschreiben«, sagte er, zog seine Brille aus und klappte die Bügel ein. Anschließend verstaute er sie in der Brusttasche seines ehemals weißen Hemdes, rückte die schwarzen Hosenträger zurecht und lehnte sich lässig in dem Stuhl zurück. Dabei entblößte er dunkle Schweißflecken an den Achseln. Der Stoff über seiner speckigen Brust spannte sich bedrohlich. Langsam legte er die Ellbogen auf die Stützen des Drehstuhls und faltete die Hände in einer vernichtenden Geste unter dem Kinn. Das alte Mobiliar ächzte gequält angesichts des Gewichts, als würde es um Hilfe rufen. Erst jetzt sah er mich aufmerksam an. 
»Ihr Buch ist gut. Doch wirklich. Aber diese Monsterjäger-Geschichten sind mittlerweile so ausgebrannt.« Eine lange Pause, ein abschätzendes Mustern. 
Ausgebrannt? Geschichten um John Sinclair sind niemals ausgebrannt, Speckschwarte!
Der tickende Sekundenzeiger der großen Uhr, die über der Tür hinter mir hing, wirkte mit einem Mal unheimlich laut. Als wollte er mich verhöhnen. Das Dröhnen in meinem Kopf wurde unangenehmer und ein nervöses Zucken bahnte sich unter meinem linken Auge an.
Tannhäuser holte tief Luft und fuhr – völlig ruhig und gelassen fort.
In mir sah es jedoch anders aus.
»Jeder schreibt heutzutage weit ausschweifende Bücher und hält sich für einen Möchtegernautor. Im schlimmsten Fall sind es vor allem Fantasyromane oder Monstergeschichten. Dabei ist das Thema längst tot. Ausgelutscht. Begraben.«
Ein Anflug von Zorn jagte durch meinen Körper und ließ mich die Zähne so fest zusammenbeißen, dass die Kieferknochen schmerzhaft knackten. Fast ein Jahr und vier endlos lange Verbesserungsdurchgänge hatte ich damit zugebracht, ihm diese 700-Seiten-Bestie lesefertig und perfekt vorzulegen. Ich hatte dafür alles andere weg geschoben: Freunde und Familie vernachlässigt, weder richtig gegessen noch geschlafen und mich in meiner kleinen Wohnung in Dormagen verschanzt. Mit heruntergelassenen Jalousien, an vielen Tagen ungewaschen, unrasiert, nur mit einem Bademantel bekleidet, im faden Licht einer alten Schreibtischlampe hatte ich vor mich hingeschrieben. 
Und nun sagte er mir, dass jeder Möchtegernautor so etwas vollbringen konnte? Manch einer war heutzutage kaum dazu in der Lage, seinen eigenen Namen zu schreiben. Und mit eben jenen Leuten stellte er mich auf eine Stufe? Diese Aussage war an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Plötzlich verspürte ich den Drang, ihn aus dem Fenster seines kleinen Büros in der Düsseldorfer Altstadt werfen!
»Sehen Sie«, fuhr Tannhäuser fort und hob beschwichtigend die Hände. Der Zorn musste mir offenbar deutlich anzusehen gewesen sein. »Das sollte keinesfalls eine Beleidigung sein.«
Doch, sollte es! Am liebsten hätte ich laut gelacht.
»Ich mag Ihren Schreibstil. Und die Art, die Tatsachen zu schildern, ist … wirklich detailgetreu. Aber ich als Ihr Agent muss dennoch sehen, dass Sie in erster Linie Geld einbringen. Mir und natürlich auch Ihnen selbst.« Er warf einen nahezu vernichtenden Blick auf mein Exposé und rümpfte die Nase, als würde ein schleimiges Insekt über die Seiten krabbeln. »Ich sehe in Ihrem Buch einfach keinerlei Möglichkeiten, es in irgendeiner Form an den Mann zu bringen. Und das ist es schließlich, was zählt, oder?«
Er blickte mich an, als würde er glatt durch mich hindurchsehen und fuhr dann mit seinem verheerenden Urteil fort: »Es gibt, so wie ich das sehe, weder packende Wende- noch Höhepunkte. Die Personen sind nicht gut ausgearbeitet und handeln extrem unglaubwürdig und vorhersehbar, zudem ist keine Entwicklung des Protagonisten zu sehen. Der groß aufgebauschte Antagonist hingegen entpuppt sich doch eher als Witz und die Story an sich ist – auf gut Deutsch gesagt – miserabel.« Tannhäuser blätterte ein wenig durch meine Seiten, seufzte traurig, fast enttäuscht und schüttelte den Kopf. Ich hätte ihm selbigen am liebsten abgerissen. Mit bloßen Händen. 
»Die von Ihnen angegebene Zielgruppe interessiert sich heutzutage nicht mehr sonderlich für knallharte Kriminalromane und Psychothriller, oder«, er hob mahnend den rechten Zeigefinger, »oder für diese Version des Genres.« Er tippte mit eben jenem von Fettwülsten umgebenen Finger auf das Deckblatt. »Also sagen Sie mir, Frederik: Wieso sollte ich Ihr Buch meinen Kontakten anbieten und damit meinen wirklich guten Ruf riskieren? Meine Meinung wird überall auf der Welt geschätzt. Ich riskiere viel für meine Klienten. Bringen Sie da etwas mehr Spice rein, mehr explizite Szenen, wenn Sie verstehen. Sex sells. Schwächen Sie die Monster ab, geben Sie ihnen mystische Fähigkeiten. Aber das? So? Ausgeschlossen.«
Tannhäuser lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und wippte langsam auf und ab, während er auf eine Antwort wartete. Ich hoffte, dass das alte Möbelstück den Geist aufgeben und sein Besitzer auf dem Boden landen möge. Doch leider verzichtete es darauf, mir einen solchen Gefallen zu tun. Es entstand ein peinlicher Moment der Stille, in dem sich meine Kopfschmerzen und der Sekundenzeiger der großen Uhr erneut und stärker meldeten. Mittlerweile hatte ich keinen Zweifel mehr daran, dass mich die Uhr auslachte.
»Eben deshalb sollten Sie es tun.« Meine Stimme klang eine Spur härter als beabsichtigt. Oder doch nicht?
»Weshalb?«
»Weil es aus der Masse hervor sticht. Keine schnulzige Version, wie Sie sagen. Kein Sex, keine Verharmlosungen. Es ist die ungeschönte Wahrheit. Die Kämpfe sind blutig und bestialisch. Eben genauso, wie es in der Monsterwelt zugehen sollte.« Ein durch Stolz verursachter Schauer jagte mir über den Rücken, als meine Gedanken zu den Kampfszenen drifteten, bei denen ich mich selbst übertroffen hatte. Zumindest, wenn es nach mir ging. Eigenlob stinkt klar, aber so war es eben. Aufgeschlitzte Bäuche, abgetrennte Körperteile, herausgerissene Lungen und meterhohe Blutfontänen.
Das volle Programm eben.
Und das Beste daran war: Meine Vampire waren die düsteren, altmodischen Bösewichte, wie man sie aus Filmen und Romanen kannte und liebte. Blutrünstig, ohne Spiegelbild und mit tödlichen Folgen, wann immer sie im Sonnenlicht wandelten. Ich fand mein Werk brillant. Aber, wenn ich es nüchtern betrachte, hält jeder Autor sein Geschriebenes – auf die eine oder andere Weise – für das beste Buch der Welt; den nächsten Bestseller.
Rainer Tannhäuser lehnte sich vor und lächelte traurig. »Sie haben Recht«, fuhr er fort und sah mir in die Augen. »Aber wie ich schon sagte, ist die Zielgruppe dafür zu klein. Es tut mir leid, dass sie Ihre Zeit vergeudet haben, aber ich bin nur ehrlich. Denn die Wahrheit ist: Monsterbücher sind meiner Erfahrung nach von gestern.«
Ich schnaubte laut und verächtlich und tastete nach meiner Kette. Es war ein nervöser Tick, eine dumme Angewohnheit, die ich mir in den letzten Jahren angeeignet hatte. Seit jenem Tag …
»Sehen Sie es ein, Frederik«, er machte eine Bewegung mit der Hand, wie um eine lästige Fliege zu verscheuchen. »Und das besser schnell. Sonst bringt Sie der Frust um den Verstand. Bringen Sie mir etwas mit mehr Potenzial und einer größeren Zielgruppe.« Er legte den Kopf schief und blickte angestrengt auf das Deckblatt des Exposés. »Warum schreiben Sie keine Fortsetzung Ihres Debütromans?« Er begann, nacheinander die vielen Schubladen seines Schreibtisches zu öffnen, als würde er ihn suchen. Es war eine alberne Geste, damit ich mich nicht allzu beschissen fühlte. Sie passte nicht zu diesem aufgeblasenen Kerl und zeigte dementsprechend keine Wirkung. Ich wusste, dass er das Buch hier nirgendwo rumliegen hatte. »Wie hieß es noch gleich?«, fragte er in den Raum hinein. »Alpha Test? Beta Box?«
»Omega Man«, half ich ihm auf die Sprünge und ballte die Hände auf den Oberschenkeln zu Fäusten. Er wusste genau, wie es hieß. Eine klare Provokation; und die wiederum wirkte.
Die Kurzfassung: Omega Man war mein Erstlingswerk gewesen und sprang direkt auf die Bestsellerliste, ein Hybrid aus Krimi und Psychothriller. In dem Buch ging es um einen verdeckten Ermittler, der sich in einen europaweiten Prostitutionsring einschleust und sich Stück für Stück in der Rangliste hocharbeitet, bis er die rechte Hand des Bosses wird. Im Laufe des Romans verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen seinem wirklichen Ich und seiner Legende, was schließlich nur zu einem einzigen Ende führt: dem Tod des Protagonisten. Tannhäuser hatte damit einiges an Geld verdient. Und dennoch erinnerte er sich nicht? Das machte mich stinksauer.
»Ja, genau. Omega Man. Machen Sie davon doch eine Fortsetzung. Das wäre bestimmt ein erstklassiger Bestseller.« Rainer Tannhäuser starrte mir in die Augen, ich starrte zurück und für einen Moment hätte man die Luft zwischen uns mit einem Messer zerschneiden können.
Gerade, als ich mich fragte, ob ich meine Gedanken laut aussprechen sollte, durchschnitt ein Geräusch die Stille. Ein glockenhelles und gleichzeitig schrilles Klingeln ertönte. Ich zuckte so heftig zusammen, dass ich mir versehentlich auf die Zunge biss und suchte – mit schmerzverzerrtem Gesicht und blutigem Geschmack im Mund – nach der Quelle des Lärms. Es dauerte nicht lange, bis ich fündig wurde. Das Geräusch kam von Tannhäusers Mobiltelefon. Auf dem Display erschien das Bild einer Frau.
Ich atmete hörbar aus und tastete vorsichtig mit meiner Zunge die Innenseiten meiner Lippen ab, um den entstandenen Schaden beurteilen zu können. Er war glücklicherweise nicht allzu gravierend.
»Wenn nichts mehr wäre«, sagte der Agent in einem genervten Ton und deutete auf die Tür. »Kommen Sie wieder, wenn Sie eine Fortsetzung von Beta Test geschrieben haben.« Dann nahm er den Anruf entgegen.
»Davon kann man keine Fortsetzung machen«, erwiderte ich leise, stand auf und wandte mich um. Niedergeschlagen ging ich auf die Tür zu. So viel Herzblut war in diesen Roman geflossen – für nichts. Die Rückmeldungen der Testleser und meiner Lektorin waren durchweg positiv gewesen. Sollte ich das Schreiben lieber bleiben lassen?
Die Geräusche meiner Schritte wurden von dem alten Teppich, mit dem Tannhäusers Büro ausgekleidet war, verschluckt. Ich fand immer, dass dieser Raum etwas von einer Detektei aus einem  Schwarz-Weiß-Film hatte. Hinter mir säuselte er mit quietschender Stimme Liebesbekenntnisse und Entschuldigungen in sein Telefon. Dinge wie Liebling, Schnuckiputz und sogar ein total übertriebenes Schnurzelpurzelpinseläffchen drangen mir an die Ohren. Es klang schier zum Kotzen. Ich schluckte meinen Zorn herunter. Doch gerade, als ich die Hand nach dem abgegriffenen Türknauf ausstrecken wollte, hielt Tannhäuser mich auf.
»Frederik«, rief er.
Mit einem genervten Prusten entwich die Luft aus den Lungen und ich drehte mich widerwillig zu ihm um. Der Ärger, den ich soeben noch hinuntergeschluckt hatte, war zurück. Ein großer, blanker, wild pulsierender Nerv. 
Welcome back … 
»Was ist denn«, begann ich, kam jedoch nicht weiter. Ich riss die Augen auf und starrte ihn an. Sein Gesicht war verschwunden, zumindest so, wie es wenige Momente zuvor noch gewesen war. Stattdessen blickte ich in eine Fratze, die einem Totenschädel ähnlich zu sein schien und die sich wie ein von seiner speckigen Haut umrahmtes Gemälde in den massigen Kopf meines Agenten einfügte. Die Augen waren leer, eingefallen und schwarz und dort, wo die Lippen hätten sein müssen, klafften zwei in die Länge gezogene Löcher. Dunkle, von weißen Schatten umgebene Zähne grinsten mir unverschämt entgegen. Es gab keine Nase, nur zwei tiefschwarze Punkte. Ich sog scharf die Luft ein und wollte instinktiv einen Schritt zurückweichen, stieß mit dem Rücken gegen die pappartige Holztür. Das kleine Milchglasfenster klirrte leise in ihrem oberen Drittel.
»Was ist denn plötzlich mit Ihnen los?«, fragte mich die Fratze mit Tannhäusers Stimme. Ich stand unter Schock, war unfähig, etwas zu entgegnen, geschweige denn die Flucht zu ergreifen. Schwer schluckend begann ich zu zittern, als würde dem Raum mit einem Mal jegliche Wärme entzogen werden. Der Atem wölkte sich vor meinem Gesicht.
»Frederik?«
Ich blinzelte und mit einem Mal war die Fratze verschwunden. Stattdessen tauchte Tannhäusers Mondgesicht wieder auf, das mich mit seinen kleinen Schweinsäuglein verständnislos anstarrte. In seiner linken Hand hielt er das Exposé. Die Wärme im Raum war zurück, die Kälte in meinem Körper blieb. »Vergessen Sie das hier nicht.« Scheiße … was war das denn? Der Schlafmangel?
Mit zwei hastigen und äußerst wackeligen Schritten war ich bei seinem Schreibtisch und riss ihm das Papier aus der Hand. Dabei blieb mein Blick unentwegt auf sein Gesicht gerichtet. Mein Herz klopfte wie verrückt. Ich wollte diesen Raum, diesen fiesen Fettsack und den Totenschädel nur noch hinter mir lassen.
»Ach und Frederik?«
»Was?« Meine Stimme war eine Mischung aus Angst und Panik.
»Eine Sache wollte ich Sie schon immer mal fragen.« Der provozierende Unterton seiner Worte entging mir nicht.
Eigentlich wollte ich nicht auf seine Aussage eingehen, tat ihm aber dennoch den Gefallen. »Die da wäre?«
»Fürchten Sie die Dunkelheit?«
»Natürlich nicht!« Ich wirbelte herum, riss die Tür auf und stürmte hindurch. Tannhäusers säuselnde Stimme, die wieder mit der Frau sprach, wurde langsam leiser.

*

Gedankenverloren trugen mich meine Beine durch die Straßen Dormagens; der Kopf war gesenkt. Ich fühlte mich miserabel, ausgelaugt und war noch immer verdammt traurig. Es war spät. Die Nacht begann bereits, den Tag zu verdrängen, und zog mit ihren dunklen Schlieren im Schlepptau über den Himmel. Die Straßenlaternen, die meinen Weg säumten, waren schon angegangen und verbreiteten ihr fahles, künstliches Licht in der Stadt. Mir kam es so vor, als wären ihre Lichtkegel kleine Inseln, auf die man sich in der aufziehenden Dunkelheit mit ihren langen Schatten retten konnte. Hier würden mir die Kreaturen der Finsternis nichts anhaben können.
Ich schüttelte den Kopf und verscheuchte die düsteren Gedanken. Das Exposé hatte ich in einem weißen Umschlag verstaut und mir unter den rechten Arm geklemmt. Noch immer hallten Tannhäusers Worte in meinem Schädel nach. Wie konnte er es nur wagen, meine Arbeit auf diese Art schlecht zu reden? Ich konnte Kritik einstecken, das war nicht das Problem. Aber man sollte sich bei allem immer noch menschlich verhalten.
»Idiot«, murmelte ich und erwischte mich dabei, wie sich beim Gedanken an den Agenten die grässliche Totenkopffratze vor mein inneres Auge schob. Ein ungutes Gefühl stieg in mir auf und sorgte dafür, dass ich stehen blieb. Ein fast schon panischer Blick über die Schulter - verfolgte man mich?
Logan, du wirst doch auf deine alten Tage nicht paranoid werden, oder?
Wie zum Beweis – auf den ich in dieser Situation gut und gerne hätte verzichten können – flackerte die Laterne auf, unter der ich gerade stand und deren künstlicher Schein den Eindruck von Sicherheit vermittelt hatte. Mit einem lauten Knistern ging sie aus. Die Dunkelheit, die zuvor von der hellen Barriere von mir ferngehalten wurde, drängte näher. Visionen gestaltloser Wesen mit grässlichen, schattenhaften Visagen breiteten sich mit rasender Geschwindigkeit aus; reckten ihre Klauen in meine Richtung, um mich mit sich zu reißen – oder zu zerfetzen. Ich stieß einen erstickten Schrei aus und riss die Hände in schützender Absicht hoch. Die Schemen kamen, berührten fast meinen Körper und …
Die Lampe ging wieder an. 
Keuchend wischte ich mir den kalten Schweiß von der Stirn und blickte mich hektisch um. Niemand da. Keine Fratzen und keine Schatten, die mich packen wollten. Waren das die Flashbacks meiner eigenen Geschichte? Ich atmete tief ein, fuhr mir erneut über das Gesicht und schüttelte mit einem verzweifelten Lächeln den Kopf. Einfach nur ein müder und frustrierter Mann auf einer fast menschenleeren Straße.
Das muss definitiv am Schlafmangel der letzten Wochen liegen, versuchte ich mir mein paranoides Verhalten einzureden und zwang mich regelrecht, weder an Tannhäuser, noch an den Totenschädel zu denken. Dann machte ich kehrt; wollte nur nach Hause, in mein schönes weiches Bett.
Jemand torkelte mir entgegen, rempelte mich an, stolperte und wäre um ein Haar gestürzt.
»Pass doch auf, du Spinner«, nuschelte der Mann und wedelte drohend mit der rechten Faust. In meiner unmittelbaren Nähe knallte eine Tür. 
Eine nach Schnaps und Bier stinkende Wolke schlug mir mit jeder Silbe ins Gesicht. Ich murmelte ein notgedrungenes: »Verzeihung«, während mich der Betrunkene lallend mit wüsten Beschimpfungen bedachte.
Heute, nach all den Ereignissen dieser Nacht weiß ich nicht mehr, was er mir alles an den Kopf geworfen hat. Doch was ich weiß, ist, dass er das letzte Rädchen in einer Reihe von Begebenheiten war. Tannhäusers harsche Kritik an meinem Roman; die Totenkopffratze; das Gefühl, verfolgt zu werden; die Pöbeleien. Ich hob den Kopf und nahm endlich wahr, wo ich mich tatsächlich befand: vor einer Kneipe. Der Anflug eines Lächelns huschte über mein Gesicht. Ein Bier kann nicht schaden. Mit der Aussicht auf ein zischendes Getränk fühlte sich dieser ganze beschissene Tag plötzlich ein klein wenig erträglicher an. Ob es Zufall, Schicksal oder etwas anderes war, kann ich nicht sagen. Doch ich traf eine Entscheidung, die mein gesamtes Leben auf einen Schlag veränderte. Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einfach nach Hause gegangen und hätte mich ins Bett verkrochen. Manchmal wünsche ich mich an diesen Tag – in diesen Moment – zurück, um den jüngeren Logan zur Vernunft zu bringen.
Doch ich weiß, dass das nicht möglich ist. Dieser Moment, auf dieser Straße, von den Beleidigungen eines betrunkenen Streitsüchtigen verfolgt, sollte der Anfang vom Ende sein. Von nun an würde sich mein Leben in anderen Dimensionen bewegen. 
In dunkleren Dimensionen.
Es sollte nichts mehr so sein, wie es einmal war. 
Langsam bewegte ich mich vorwärts und streckte dabei die Hand nach der Eingangstür aus.

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