
All Their Sins - Leseprobe
Prolog
Beitrag aus dem Forum Bloodonourstreets.com
Thr04tCutter_77:
Heute ist es traurige Gewissheit. Unser Land wird einen ganz Großen verlieren.
Stanley Harper, unser Robin Hood, der Mann, der unsere Straßen von Korruption und den reichen Bastarden gesäubert hat, wurde zum Tode verurteilt. Am 31. Oktober, an Halloween des kommenden Jahres, wird Stanley Harper durch die Giftspritze hingerichtet werden. Durch ihn hatten wir, das hart arbeitende Volk von Amerika, wieder Hoffnung. Hoffnung, dass die Ungerechtigkeit da draußen, die Macht, das Geld, die unsichtbaren Verbrechen, endlich ein Ende finden. Durch ihn konnten wir voller Zuversicht sein, dass wir eines Tages alle gleichberechtigt behandelt werden. Nun erwartet ihn die Todesstrafe. Dabei hat er nichts Falsches getan. Im Gegensatz zu denen, die wirklich beseitigt werden müssen.
Cops, Richter, Anwälte, Vorstände großer Konzerne. Stanley Harper sollte frei sein und uns alle retten. Es ist seine Bestimmung, sie alle zu töten.
Lasst ihn frei!
Lasst ihn seine Arbeit machen.
#FreeRobinHood
Kill’emALL:
Schöne Worte. Ich werde für ihn beten.
#FreeRobinHood
My-Knife-is-my-Wifey69:
Seine Methoden waren unangefochten. Die akribische Vorbereitung, die Namen auf der Haut der Opfer, das Verhöhnen der Behörden … Ich werde nach Texas fahren und ihm zeigen, dass er nicht allein ist. Wer ist dabei?
#FreeRobinHood
G00dN8J4N3DOE:
Er ist noch nicht fertig. Er hat noch so viel zu tun.
Es gibt noch so viele, die er töten muss. Zeigen wir ihm unsere Solidarität! Zeigen wir ihm, dass er nicht allein ist. Er wird unsere Unterstützung brauchen. Und Geld. Was immer wir tun können, wir sollten es tun.
#FreeRobinHood
Kapitel 1
Huntsville, Texas
22. April
02:37 Uhr Ortszeit
Es kam ihm wie ein Traum vor. Surreal und gleichzeitig sehr echt. Er bewegte sich durch eine Fantasiewelt.
»Harold?« Jemand rüttelte an ihm und das malerische Gebilde über seinem Kopf geriet ins Wanken.
»Mhm?«
»Harold.« Wieder wurde er grob angestoßen.
»Mhm.«
»Harold Benjamin Porter! Wenn du nicht sofort aufstehst und dieses schreckliche Gebimmel abstellst, dann schwöre ich bei Gott, kannst du die nächsten Wochen auf der Couch schlafen.«
Er erwachte. »Ist ja schon gut.« Harold setzte sich schlaftrunken auf und rieb sich die Augen. Es dauerte einige Augenblicke, bis er sich orientiert hatte, dann schmatzte er laut, um den schalen Schlafgeschmack im Mund loszuwerden. »Leg dich wieder schlafen, Liebes«, murmelte er seiner Frau zu. Er rieb sich erneut die müden Augen und langte nach seiner Brille. Als er sie aufsetzte, bekamen die dunklen Umrisse ihres gemeinsamen Schlafzimmers langsam schärfere Konturen.
Er unterdrückte ein Gähnen und blinzelte anschließend mehrere Male. Dann tastete er nach dem wohl klingelnden Handy auf dem Nachttisch und erst, als er es in der Hand hielt, nahm er Vibration und Ton wahr.
Ob sich irgendetwas im Gefängnis ereignet hat?
Er blickte auf das Display. Unbekannte Rufnummer. Nicht ungewöhnlich, wenn man Direktor in einem der ältesten Gefängnisse des ganzen Landes war. Gut möglich, dass ein Reporter gerade jetzt auf die Idee kam, ihm zu dieser späten Stunde etwas über die Zustände der Anstalt zu entlocken oder, um ihm vorzuwerfen, der Umgang mit den Häftlingen wäre unmenschlich. Harold hatte schon die eine oder andere Morddrohung erhalten und zu Beginn seiner Karriere waren er und seine Familie mehrfach umgezogen.
Doch heute sah er das Ganze anders. Viele dieser Anrufe waren kaum ernst zu nehmen und der verschwindend geringe Prozentteil, der wirklich bedrohlich wirkte, bereitete ihm schon lange keine schlaflosen Nächte mehr.
»Wenn Kathy wegen dir wach wird, kannst du dich warm anziehen, Harold«, grummelte seine Frau, Betty. »Ich habe dich bereits mehrfach gebeten, dieses grässliche Ding nachts auszuschalten. Du weißt, dass sie viel Ruhe nach dem Eingriff benötigt.«
»Ich weiß«, antwortete er verlegen und blickte in die Richtung, in der Betty neben ihm im Bett lag. Er streckte die Hand nach ihr aus, um sie zu berühren, hielt aber inne und kratzte sich stattdessen an der Brust. »Ich werde es in Zukunft nachts abstellen. Versprochen.«
»Gut«, sagte sie. »Und du weißt auch, dass ich meinen Schlaf brauche. Meine Schüler tanzen mir sonst auf der Nase rum.« Die Bettdecke raschelte, als sie sich von ihm wegdrehte.
Harold verdrehte beiläufig die Augen, dann nahm er das Gespräch entgegen. »Hallo?«, fragte er mit gedämpfter Stimme, während er die Beine aus dem Bett schwang und langsam aufstand. Ein Anflug von Schwindel machte sich in seinem Kopf breit und ließ helle Punkte vor den Augen tanzen.
Er unterdrückte ein Stöhnen, kniff die Augen zusammen und wartete, bis das Gefühl verschwunden war. »Was auch immer das Anliegen für Ihren Anruf ist, ich hoffe, dass Sie …«
Ein lautes Knacken auf der anderen Seite ließ ihn zusammenfahren, dann ertönte ein heiseres Röcheln und eine gedämpfte Stimme antwortete: »Harold Benjamin Porter. Sie sind der Direktor der Texas State Penitentiary, alias Huntsville Unit.«
Keine Frage, sondern eine Feststellung. Also kein Reporter. Harold wurde hellhörig. »Das ist korrekt, aber wer …«
»Harold?«, fragte Betty. Er konnte hören, wie sie sich langsam aufrichtete.
»Hören Sie mir genau zu, Harold Benjamin Porter«, fuhr die Stimme völlig ruhig fort. »Sie werden genau tun, was ich Ihnen sage.«
»Wer zum Teufel sind Sie?«, zischte Harold. Die Frequenz seines Herzschlags erhöhte sich.
»Jemand, der weiß, dass Ihnen das Wohl ihrer Tochter am Herzen liegt«, antwortete der Fremde. Harolds Herz setzte einen Schlag aus und kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. »So ein operativer Eingriff. Und das in diesem Alter. Da kann es sehr leicht zu Komplikationen kommen.«
Harold stieß ein Keuchen aus. Was hatte der Unbekannte gerade gesagt? War jemand wirklich bereit, einer Sechsjährigen, einem herzkranken Mädchen etwas anzutun? Harold taumelte aus dem Zimmer und prallte dabei gegen den Türrahmen. Ein dumpfer Schmerz pochte in seiner Schulter. Auf dem Flur wandte er sich nach links.
So schnell und so leise es ihm möglich war, schlich er zu Kathys Zimmer und spähte durch die angelehnte Tür.
»Keine Sorge«, sagte die Stimme und machte eine Pause. »Sie ist da. Noch.«
Harold atmete erleichtert aus, als er im diffusen Nachtlicht seine Tochter in ihrem Bett liegen sah.
»Habe ich nun Ihre Aufmerksamkeit?«
»Woher haben Sie diese Nummer? Wenn das ein Scherz sein soll, so ist er nicht lustig.« Angst, Herzrasen, Panik. Harold schien von seinen Gefühlen übermannt zu werden. Es fühlte sich so an, als würde er in einen tiefschwarzen Abgrund stürzen.
»Ich versichere Ihnen, dies ist kein Scherz. Ich scherze nicht, wenn es um Menschenleben geht. Niemals.« Der Unbekannte redete nun deutlich schneller, als schien er ungeduldig zu werden. »Doch ich bin bereit, bis ans Äußerste zu gehen, sollten Sie mir nicht zuhören. Das müssen Sie wissen.«
»Was wollen Sie?«, fragte Harold zittrig und hob die Hand vor seinen Mund, damit Kathy nicht wach wurde. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken.
»Ich will, dass Sie mir aufmerksam zuhören, Harold«, sagte der Fremde nun wieder vollkommen ruhig. Doch nun lag ein beängstigender Unterton darin, der Harold den Ernst der Lage klarmachte.
»Schalten Sie die Polizei ein, ist Ihre Tochter tot. Informieren Sie die Medien, ist Ihre Tochter tot. Merke ich, dass Sie versuchen, hinter meinem Rücken zu agieren, ist Ihre Tochter tot. Sollten Sie irgendetwas tun, das nicht meinen Anweisungen entspricht, ist Ihre Tochter tot. Haben Sie das verstanden?«
Harold nickte und benötigte all seine Kraft, um sich auf den zitternden Beinen zu halten.
»Haben Sie verstanden?«, fragte der Unbekannte erneut. Dieses Mal klang seine Stimme bedrohlicher.
»J- … ja«, antwortete Harold und fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe. Er schmeckte Salz. »Ich … ich habe verstanden. Was wollen Sie?« Mittlerweile bebte sein gesamter Körper so stark, dass seine Zähne klapperten, ganz so, als stünde er nackt im tiefsten Schnee. Ihm war eiskalt und er spürte ein schwaches Kribbeln in seinen Zehen. »Hören Sie. Bitte, wer auch immer Sie sind, ich mache alles, was Sie wollen. Nur lassen Sie meine Tochter aus dem Spiel. Sie …«
Tränen schossen ihm in die Augen, seine Stimme brach. »Sie hat doch schon so viel durchmachen müssen und verdient es nicht, dass sie noch weiter …«
»Dann hören Sie, was ich Ihnen jetzt sage.« Die Stimme klang zufrieden. »Es ist eine kleine, wenn auch nicht ganz einfache Aufgabe, die ich für Sie habe, Harold.« Wieder machte der Anrufer eine dramatische Pause. »Ich will, dass Sie Stanley Harper bei seiner Flucht helfen.«
»Was?«, keuchte Harold so laut, dass Kathy aufschreckte.
»Daddy?«, fragte sie und blickte ihn durch den schmalen Türspalt an. »Daddy, was ist denn?«
»Sie haben schon verstanden«, sagte die Stimme und kostete jeden winzigen Augenblick aus. Sie troff vor Überlegenheit. »Sie sollen Stanley Harper zur Flucht verhelfen.«
»Das können Sie unmöglich ernst meinen.«
»Daddy?«
»Das ist mein voller Ernst.« Der Anrufer atmete tief aus. »Denken Sie immer an das Wohl Ihrer Tochter. Ich melde mich wieder mit weiteren Anweisungen.« Dann legte der Anrufer auf.
Harold Benjamin Porter ließ sein Telefon aus der Hand gleiten, stieß die Tür zu Kathys Zimmer auf und stürmte hinein.
Tränen liefen über sein Gesicht, als er vor ihrem Bett auf die Knie sank und sie schluchzend in die Arme schloss.
Kapitel 2
Washington D.C.
31. Oktober
19:47 Uhr Ortszeit
Gräuliches Mondlicht brach in unregelmäßigen Abständen durch kleine Lücken im ansonsten dichten Wolkengeflecht und warf seinen Schein auf das verfallene zweigeschossige Gebäude am Rande der großen Stadt. Eine stillgelegte Tierklinik, in der seit Jahren schon nicht mehr praktiziert wurde. Das Gelände war von einem maroden Bauzaun umgeben, die Außenwände waren mit Tags beschmiert. Die meisten Fenster waren eingeworfen und Türen aus den Angeln gerissen worden. Unzählige Glasflaschen, deren Etiketten kaum noch zu erkennen waren, lagen auf dem Rasen vor der Klinik verstreut. Dornenbüsche hatten sich uneingeschränkt entfaltet und wucherten über den verwitterten Gehweg. Über dem Eingang des Gebäudes ließen sich noch die letzten Reste eines Schriftzuges erahnen.
Einst ein Ort voll Hoffnung und Trauer, war das Gelände schon vor langer Zeit in Vergessenheit geraten.
Privatermittler John Greyson schaltete die Taschenlampe ein und setzte vorsichtig einen Fuß in das Gebäude. Sein Herz schlug wie verrückt und sein Atem, den er zu kontrollieren versuchte, zitterte. Atemwölkchen bildeten sich vor seinem Gesicht, während der Lichtkegel der Taschenlampe über den Boden und die Wände huschte. Staub und Dreck bedeckten die rissigen und teilweise gesprungenen Fliesen.
Rostige Apparaturen, umgestürzte Plastikstühle, ein verwaister Empfang und das fahle Mondlicht, das hier und da durch die zersprungenen Fensterscheiben eindrang, verliehen der Szenerie etwas Schauriges. Johns Blick fiel auf die Spuren, die sich vor ihm im Staub abzeichneten.
Eine deutlich erkennbare Schneise war auf den Fliesen zu sehen. Sie führte in den hinteren Teil der Tierklinik. Mit einem Klicken, das in diesem Moment widernatürlich laut klang, entsicherte er seine halbautomatische Smith & Wesson M&P Shield und hielt sie wie einen Schutzschild vor sich. Langsam bewegte er sich weiter.
Im Schein der Taschenlampe tippelte eine Ratte über den Boden und verschwand in einer Transportkiste für Tiere, die jemand zurückgelassen hatte. Darüber an der Wand hing ein zerbrochener Spiegel. John erkannte zwei blinde Flecken, als er hineinblickte, und zuckte unweigerlich zusammen, als ihn sein eingefallenes Gesicht anstarrte. Dunkle Ringe lagen unter seinen Augen, seine Haut wirkte ungesund, fast gräulich und sein Bart, den er früher immer sauber getrimmt hatte, war viel zu lang. Die dunkelgraue Lederjacke, die schon seit einem Jahrzehnt in seinem Besitz war, war zu groß und schlackerte an den Schultern.
John blinzelte und richtete den Blick wieder auf den Boden. Vor gut drei Monaten hatte ihm Rick Myers, ein alter Bekannter und pensionierter Polizist, die Akten seines einzigen ungeklärten Falls gezeigt. Kiora Grace, ein siebzehnjähriges Mädchen, das vor mehr als sieben Jahren verschwunden war. John hatte sich die Kisten voller Ordner und Unterlagen angeschaut. Abschriften der Befragungen von Eltern und Freunden, Aufzeichnungen der Gegenstände, die sich in ihrem Zimmer befanden, sowie Browser- und Chatverläufe auf Kioras Laptop und Handy.
Gemeinsam mit Rick war John außerdem zu den Eltern des verschwundenen Mädchens gefahren und hatte sich ein Bild von ihrem Zimmer gemacht.
Auf den ersten Blick hatte alles darauf hingedeutet, dass sie von zuhause weggelaufen war. Rick hatte John erzählt, wie streng Kioras Eltern sie erzogen hatten und dass sie das Mädchen in ein vorgefertigtes Leben pressen wollten. Die Tochter der philippinischen Einwanderer hatte Medizin studieren, eine eigene Praxis eröffnen, einen jungen Mann aus einer angesehenen Familie heiraten und mindestens zwei Kinder bekommen sollen.
Ihr Leben war bis ins kleinste Detail durchgeplant gewesen. Weswegen die Polizei schließlich der Auffassung gewesen war, dass Kiora nicht durch Fremdeinwirken verschwunden war.
Doch der Fall hatte Rick niemals wirklich losgelassen.
In ihrem Zimmer hatten Kioras Eltern alles so gelassen, wie es am Tag ihres Verschwindens war. Die Poster an den Wänden, die Kleider in ihrem Schrank, sogar Handy und Laptop, die von der Polizei zur Prüfung mitgenommen, danach aber wieder an die Familie ausgehändigt wurden, lagen am selben Ort, wie John es auf den Fotos in der Fallakte gesehen hatte.
Sämtliche Spuren schienen ins Nichts zu laufen. Als John die Polizisten befragte, die gemeinsam mit Rick an dem Fall gearbeitet hatten, wurde ihm klar, dass alle derselben Meinung waren. Teenager verschwanden eben. Manchmal tauchten sie wieder auf, manchmal nicht.
Doch John spürte, dass Kiora Grace nicht einfach weggelaufen war, sondern, dass mehr dahinterstecken musste.
Ein Teenager, die ohne ihr Handy aus dem Haus ging? Die abhaute, ohne ihren Freunden etwas zu sagen? Die kein Geld mitnahm? Wohl kaum. Es war ein nagendes Gefühl, das ihn in seiner Vergangenheit beim FBI schon oft beschlichen hatte und dem er vertrauen konnte. Zu Zeiten, als er sein eigenes Team geleitet und Serienmörder gejagt hatte, hatte er gelernt, seiner Intuition zu folgen.
Also führte er seine eigenen Recherchen durch, forderte Gefallen von früheren Kollegen beim FBI ein und erhielt Zugriff auf VICAP, das Violent Criminal Apprehension Program. Eine Datenbank des FBI, die sich mit der Analyse serieller Gewalt- und Sexualverbrechen befasst. John fand heraus, dass in den vergangenen fünfzehn Jahren mehr als dreißig Teenager zwischen zwölf und siebzehn Jahren in den USA verschwunden waren, deren Lebensläufe und Profile sich erstaunlich ähnelten. Auch ihre Wege schienen, wie der von Kiora, vorbestimmt zu sein, weswegen die Cops stets davon ausgegangen waren, dass die Jugendlichen einfach abgehauen waren.
Doch das waren sie nicht.
Kioras Handy und Laptop waren noch in ihrem Zimmer, genau wie Kleidung, Kosmetikartikel und ihr Portemonnaie.
Das Mädchen hatte nichts mitgenommen, hatte niemandem Bescheid gesagt. Kein Abschiedsbrief. Keine Spuren. Nichts. Also ließ sich John von den Eltern ihren Laptop aushändigen und durchstöberte gemeinsam mit einem alten Bekannten, einem IT-Experten der CIA, die Festplatte und Browserverläufe. Es dauerte nicht lange, bis sie fanden, was die Forensiker der Polizei übersehen hatten: Einen geheimen Chatroom, in dem sich Jugendliche aus ganz Amerika austauschten. MeetMe. John stieß in einem Verlauf, der sich über Monate hinzog, nicht nur auf eine vollständige Konversation, die vieles erklärte, sondern auch auf Bilder eines jungen Mannes, der sich Marc Dark nannte. John erfuhr, dass sich Kiora und Marc Dark zu einem Realtreffen verabredet hatten. Das Date war für den Tag ausgemacht worden, an dem Kiora nach der Schule nicht nach Hause gekommen war.
John jagte die Bilder des Kerls durch sämtliche Suchmaschinen und fand schließlich heraus, dass sie in Wahrheit das isländische Fotomodell Sven Rasmussen zeigten. Mit blonden Haaren, stahlblauen Augen und einem Lächeln, das heller strahlte als die Sonne selbst.
John hatte die Agentur, die Sven Rasmussen vertrat, kontaktiert und so ein Telefonat mit ihm ausmachen können. Natürlich hatte der Mann keine Ahnung gehabt, dass seine Bilder auf diese Weise genutzt wurden, um jungen, naiven Mädchen etwas von hoffnungslos falscher Liebe vorzumachen. Zum Zeitpunkt von Kioras Verschwinden hatte er sich nachweislich auf einer Modemesse in Mailand befunden, was ihn als Entführer ausschloss.
Für John war schnell klar, dass er einen Schritt weiter gehen musste. Er erstellte sich mit Hilfe des IT-Experten ein Profil, um direkt mit dem Entführer zu kommunizieren, der auch sieben Jahre später noch aktiv schien.
So sicher fühlte er sich offenbar …
Tagelang trieb sich John auf MeetMe als Lucy_Park15 herum, ließ sich über das Leben unter der Fuchtel eines kontrollsüchtigen Vaters aus und wollte gerade aufgeben, als Marc Dark ihn anschrieb.
Sie hatten eine Weile gechattet und schließlich ein Treffen am heutigen Tag in einem Dunkin’Donuts ein paar Meilen von hier vereinbart. Ein harmloser Ort für ein erstes – und vermutlich auch letztes – Date. Aus sicherer Entfernung hatte John beobachtet, wie ein großgewachsener Mann in einem schwarzen Kapuzenpullover am vereinbarten Treffpunkt herumgelungert hatte. Als die nichtexistierende Lucy Park auch nach einer Stunde nicht aufgetaucht war, hatte sich der Mann in einen dunkelgrauen Lieferwagen zurückgezogen und war davongefahren. John war ihm gefolgt, was ihn schließlich an den Rand des Geländes der verlassenen Tierklinik gebracht hatte.
Er hatte in seiner Vergangenheit beim FBI häufig mit Menschen wie diesem zu tun gehabt. Obwohl er nicht wusste, ob Mensch die richtige Bezeichnung war. Vielleicht eher: Kreaturen, die im Untergrund operierten. Es war für John eine schreckliche Routine, die niemals leichter wurde. Ganz im Gegenteil. Serienmörder, Vergewaltiger, Widerlinge mit rassistischen, rituellen oder niederen Motiven. Die Liste war schier endlos und John hatte schon vor langer Zeit damit aufgehört, sich zu fragen, ob zwischen diesen Verbrechern ein Unterschied herrschte. Es war eine jener Fragen, auf die es keine Antwort gab.
Und nun war er hier. In einem zum Abriss freigegebenen Gebäude, umringt von Dreck, Scherben, verrosteten Apparaturen und Ratten. Sowohl tierischer wie auch menschlicher Natur.
Vorsichtig trat John in den breiten Durchgang, der vom Empfangsbereich tiefer in das Gebäude führte, und hielt kurz inne. Mit angehaltenem Atem lauschte er in die verfallene Tierklinik hinein. Es stank nach Schimmel, Urin und süßlicher Fäule. Irgendwo konnte er das leise Tropfen von Wasser hören.
Vor etwas mehr als zwei Stunden hatte er gesehen, wie der Mann, von dem John glaubte, er sei Marc Dark, das Gebäude betreten und nicht wieder verlassen hatte. Er selbst hatte die Polizei verständigt und war dem Verdächtigen gefolgt. Die Taschenlampe, die John mit der linken Hand unter dem Lauf seiner Waffe hielt, zuckte flackernd über die grauen und rissigen Betonwände. Er unterdrückte ein Frösteln und richtete sie wieder auf den vor ihm liegenden Gang. Er atmete den grässlichen Gestank des Gebäudes ein, straffte die Schultern und begab sich weiter in die stillgelegten Räumlichkeiten der Tierklinik. So leise, wie es seine dunklen Winterboots ermöglichten, setzte John einen Fuß vor den anderen, folgte der sichtbaren Spur im Staub und drang tiefer in das verschachtelte Labyrinth aus Gängen und Fluren ein. Teilweise geschlossene, teilweise offene Türen säumten zu beiden Seiten seinen Weg. John nahm im Augenwinkel alte Käfige, Operationssäle und Behandlungszimmer wahr. Unmittelbar vor ihm machte der Gang einen Knick.
Für einen Sekundenbruchteil schien das Licht seiner Taschenlampe im Nichts zu verschwinden. Dann führten vier Stufen in einen breiteren und von einer schief in den Angeln hängenden Tür gesäumten Gang hinein. Teils verbeulte und rostige Abflussrohre hingen von der Decke.
Der Gestank von Urin und Schimmel war hier so durchdringend und einnehmend, dass John die Nase für einen kurzen Moment in der linken Armbeuge verbergen musste. Die Wände waren mit miesen Graffitis und Schimpfwörtern beschmiert und an einigen Stellen glaubte John, sogar Blut oder andere Hinterlassenschaften zu erkennen. Eine Vielzahl von schweren Metalltüren, die einen krassen Kontrast zum Rest der Klinik bildeten, war in dem alten Gemäuer eingelassen. Die meisten von ihnen waren in einem fürchterlichen Zustand.
Vorsichtig, mit zum Zerreißen gespannten Muskeln und Sinnen, ging John weiter, achtete dabei auf jede noch so kleine Veränderung in seiner Umgebung. Er hatte in seinem Leben schon etliche Male dabei zugesehen, wie gestandene Männer, in Situationen wie diesen, die Nerven verloren. Und fast noch häufiger hatte er vergleichbare Momente am eigenen Leib erfahren.
Doch immer hatte er sich auf die Rückendeckung seiner Leute verlassen können und niemals zuvor war er an einem Ort wie diesem allein gewesen. Umso wichtiger war es, dass all seine Sinne geschärft blieben.
John atmete flach, während er den Gang entlang schlich. Die Taschenlampe richtete er abwechselnd auf die Wände, den Boden und die Türen; sein Blick folgte wachsam dem Lichtkegel. Hier fühlte er sich wie in einer anderen Welt; wie auf dem Grund des Ozeans, wo die Zeit stillzustehen schien. Das Licht reichte kaum weiter als einen Schritt, dichte Staubpartikel waberten wie unbekannte Lebewesen umher.
Und dann spürte er es. Eine Veränderung in der Luft. Eine warme Barriere, eine Wand aus Hitze, die sich vor ihm aufgebaut hatte.
Die Hitze, die er auf seiner Haut spürte, wirkte unnatürlich künstlich und fast schon erdrückend. John hielt den Atem an und blieb stehen. Dann hörte er die Musik, die leise und gedämpft an seine Ohren drang. John wusste nicht, wann die Polizei eintreffen würde. Und es spielte keine Rolle. Er konnte nicht länger warten. John wandte sich nach links, öffnete vorsichtig die schwere Metalltür, die überraschend leicht aufging, und blickte in einen breiten Raum.
Der Boden war peinlich sauber, die Fliesen glänzten und die Gerüche von Bleiche und Desinfektionsmittel stieg John in die Nase. An der gegenüberliegenden Wand befand sich eine einzige Tür, ein halbes Dutzend polierter, großer Käfige stand rechts und links an den Wänden. Neben jedem von ihnen stand ein Heizstrahler. Bis auf zwei von ihnen waren sie jedoch ausgeschaltet. John schluckte, als das Gefühl von Wut und Ekel in ihm aufstieg und sich als saure Galle auf seine Zunge legte. Die Türen der Käfige, die nicht von den Heizstrahlern beleuchtet waren, standen offen. Darin erkannte John gewaschene Bettlaken, Kissen und Decken.
Der Geruch der frischen Wäsche mischte sich mit dem Gestank des Desinfektionsmittels und ließ John erschaudern.
Er schluckte, presste die Lippen aufeinander und schlich langsam weiter. Die Kiefer mahlten, während er sich leise durch diese verstörende Welt bewegte. Sein Herz pochte schmerzhaft und ein Kribbeln breitete sich in seinem Magen aus. Übelkeit und Hitze stiegen in ihm auf. Ein dünner Schweißfilm stand auf seiner Stirn und sein Atem ging stoßweise und flach. Die Musik, die er draußen gehört hatte, dudelte jetzt lauter.
Der Blick huschte über die beiden vom orangeroten Licht der Heizstrahler beschienenen Käfige. Er hörte ein Wimmern, nahm eine Bewegung wahr. Ihm stockte der Atem.
In den Käfigen war jemand. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, die mit weit aufgerissenen Augen und offenstehenden Mündern unter ihren Bettdecken lagen und ins Nichts starrten. Ihre Gesichter waren sauber, ihre Haare frisch gewaschen und der Geruch von Seife legte sich wie dichter Nebel auf Johns Sinne. Er senkte Taschenlampe und Pistole und ging neben einem der Käfige in die Hocke.
»Hey«, sagte er leise zu dem Mädchen. »Alles wird gut. Kannst du mir sagen, wie du heißt?«
Sie reagierte nicht.
Ihre Augen waren weiter ausdruckslos und starr auf die kahle Betonwand gerichtet.
John wartete einige Augenblicke auf eine Reaktion, dann schüttelte er traurig den Kopf und stand langsam auf. »Alles wird gut«, flüsterte John noch einmal mit heiserer Stimme und wandte sich dem Käfig zu, in dem der Junge lag. Auch dieser rührte sich nicht, als er ihn ansprach.
John schloss einen kurzen Moment die Augen und ließ seiner Wut und seiner Trauer freien Lauf. Als er die Lider wieder öffnete, spürte er, wie seine rechte Hand zitterte. Dann blickte er zu der Tür, legte den Kopf schief und lauschte. Die Melodie erinnerte ihn an jene aus Warteschleifen oder Fahrstühlen. Nichtssagend, begleitend.
Er schaltete die Taschenlampe aus und ließ sie in die Jackentasche gleiten. Vorsichtshalber überprüfte er, ob seine Waffe korrekt geladen und entsichert war, dann ging er langsam auf die Tür zu. Das Blut rauschte in seinen Ohren und das Adrenalin, das durch seinen Körper jagte, ließ seine Finger kribbeln.
Vor der schweren Metalltür blieb er stehen, atmete tief ein und drückte vorsichtig die Klinke hinunter.
